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Günther Böttger denkt in Bildern über die menschliche Hybris nach und entwickelt Bildzeichen, in die sowohl Erkenntnisse des Informel wie der Arte Povera einfließen, mit denen er Brücken zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft baut. Sensibel beobachtet er seine Zeitgenossen und stellt sich seiner selbst bewusst und der eigenen Verantwortung als Mensch, immer wieder auf die Seite der Geschundenen, Entrechteten, Gedemütigten. Der philosophische Inhalt erschließt sich mittels kryptischer Andeutungen. Günther Böttger folgt vor allem dem Eigenwert von Farbe und deren psychischer Wirkung im Spannungsfeld von Formauflösung und Formwerdung. Unpopuläre bildnerische Mittel wie Gips, Sand, Stroh, Bitumen, Wellpappe, Stoffe, Draht werden  ebenso in die Malhaut eingearbeitet, wie signifikante Zeichensetzungen durch Buchstaben oder Linien.

 

Karin Weber, Diplomkunstwissenschaftlerin, Galerie Mitte Dresden

 

 

„Es malt mit mir"

 

Große weiße Farbräume, erdige Farbtöne, hart in der Fläche stehende Zeichen - so der erste Eindruck der malerischen Arbeiten von Günther Böttger. Als Seismografen der Befindlichkeit kommen sie dem Betrachter entgegen: mit Wucht und Kraft oder mit Leichtigkeit schwebender Melancholie. Sie ziehen den Blick an, saugen ihn in sich auf - und hinter der verkrusteten Oberfläche eröffnet sich malerische Sensibilität.

 

Es sind Farbflächen, Farbfelder, Farbräume, die sich ineinander fügen und vor allem im seriellen Nebeneinander ein spannungsreiches Ganzes formen. Die Farben und Formen sind ehrlich und unverhohlen; sie ringen um die Kraft ihres Ausdrucks. Nichts ist versteckt oder verborgen, nichts an den vermeintlich richtigen Platz gerückt. Spontaneität des Augenblicks steckt in diesen Bildern, die dem Einfachen und Essenziellen verpflichtet sind.

 

Bedeutsame Bezüge lassen sich von Günter Böttgers Werken zur Kunstgeschichte herstellen. Die Verbindungslinien können bis zu den archaischen Höhlenbildern gezogen werden: Klarheit der Zeichen - als eindeutige, dauerhafte Spuren des Daseins - und die Notwendigkeit des Ausdrucks als ein individuelles Sich-Ausdrücken und Sich-Mitteilen. Geometrische Formen, römische Zahlen (I, II, III), vor allem jedoch die Zeichen + (Plus) und - (Minus) spielen dabei eine entscheidende Rolle. Auch die spätmoderne Kunst des 20. Jahrhunderts findet ihre Anklänge in den Arbeiten von Günther Böttger, etwa die informelle Malerei eines Emil Schumacher oder eines Antoni Tàpies. Aber auch die sogenannten „armen" Materialien der Arte Povera (Mario Merz) nutzt Günther Böttger, um „Grundvorgänge mit tiefem Hintergrund" abzubilden.

 

Er malt mit Sand, Lehm, Erde, Asche, Kohle usw. Besondere Bedeutung hat der Entstehungsprozess. Diesen vergleicht Günther Böttger mit dem Bestellen eines Feldes, als weißes Feld aus Papier oder Leinwand. Was gemeint ist, ist der intensive, unermüdliche körperliche Malprozess; gleichsam ein Umpflügen, Durchpflügen, Beackern des Malgrundes, der in einer mehrphasigen Prozedur aufgerissen, geebnet, verwaschen, bekratzt usw. wird. So erhalten die Bilder jene körperliche Präsenz, die den Betrachter berührt. „Es malt mit mir", so charakterisiert Günther Böttger den Entstehungsprozess seiner Bilder, so als ob er eintaucht in einen Prozess, der nicht plan- und steuerbar ist, und doch - oder gerade deshalb - das Neue, Unbekannte, Variantenreiche hervorzubringen vermag. Unbeteiligt ist er daran natürlich nicht.

 

Die Bildsprache des 1949 in Wiederau (Sachsen) geborenen Künstlers entwickelte sich sukzessive, ursprünglich vor allem an dreidimensionalen Arbeiten aus Holz und Metall, und ist beeinflusst durch Begegnungen mit Künstlern wie Tony Cragg, Hans Brockhage oder Heinz Tetzner. Die heute zumeist großformatigen flächigen Farbarbeiten auf Papier und Leinwand sind für Günther Böttger „Wegzeichen", die nicht nur ihm, sondern auch den Betrachtern einen Weg zur Kunst, vor allem aber in das Leben weisen und immer wieder auf grundlegende Fragen des Daseins verweisen: Im Zeichensystem Günther Böttgers die Dualität (symbolisiert durch + und -) und das/die Unbekannte (symbolisiert durch das X), die auf Neues, noch Unbekanntes hindeuten, das zwischen den beiden Polen zu existieren scheint. Die scheinbaren Leerräume auf seinen Flächen geben deshalb philosophischem Nachsinnen Raum: „Das sind keine Leeräume," so Günther Böttger, „ das sind freie Räume zum Denken" Und: Es denkt in uns...

 

Prof. Dr. Bettina Uhlig, Köln im Mai 2004

Kommentare
Zu den Bildern von Günther Böttger
Galerie Laterne: Wegzeichen

Als mich Andreas Schüller fragte, ob ich die Eröffnungsrede für Günter Böttger halten würde, fiel mir zuerst ein: Günter Böttger, das war doch der mit den, also der gegen die „Kinderficker“. Hm, das war ja nun keine große Kunst – aber dann hab ich genau deshalb zugesagt – weil Günter Böttger keiner dieser introvertierten, glatt gebügelten Künstler ist, die in erster Linie gefällige Bilder machen, die keinem weh tun, die überm Sofa auch beim Kaffeetrinken mit der Familie nicht stören, die man anschaut, „schön“ sagt und wieder vergisst.
Günter Böttger, geboren 1949 in Wiederau, tiefstes Sachsen, aufgewachsen in tiefster DDR-Zeit. In diesen Jahren konnte man praktisch gar nicht erwachsen werden, ohne Anteil an der Politik zu nehmen, war man doch in der DDR immer auf der Suche nach den fortschrittlichen Kräften in der Welt, nach dem Bösen im Kapitalismus, während das Böse im real existierenden Sozialismus offiziell weniger beachtet wurde. Vielleicht rührt daher Günter Böttgers kritisches Engagement einerseits und die Vorliebe fürs Abstrakte andererseits, für Informel, fürs Formlose, aber nicht Inhaltslose – von Emil Schumacher war er begeistert, verrät er im Laterne-Interview, Antonio Tápies, Cy Twombly. In dieser Bildsprache kann man sich ausdrücken, ohne allzu leicht vereinnahmt zu werden.
Eigentlich kommt Günter Böttger von der Formgestaltung her – Holz, Metall, Schmuck. Aber im Grunde seines Herzens war er immer Maler und ist das schließlich auch geworden. Von der Formgestaltung hat er das Handwerk, die Sicherheit und das Gefühl für Farben, Kontraste, Komposition mitgebracht und hat es doch auch radikal hinter sich gelassen.
Die meisten Bilder haben keine Titel, aber sie haben eine innere Notwendigkeit und deshalb haben sie auch eine Absicht. Hinweise geben lediglich manche den Bildern eingeschriebene Worte, die aber durchaus auch mal auf die falsche Fährte locken können. Der „Tip der Woche“ mag für manchen nicht nur am Samstag völlig nutzlos sein, wenn er sich gerade mal das Nötigste von seinem Hartz-IV-Almosen leisten kann.
„Es gibt kein Ende, nur Anfang“ heißt es in einem Bild, in dem sich schüchtern ein Alpha ohne Omega behauptet, fragile schwarze Pinselschwünge sich wie müde Pflanzen aus der Erde quälen. Manchmal sind Zahlen, manchmal fremde Materialien in die Bilder eingearbeitet: Papierschnipsel, Spitzendeckchen, Asche, Sand, Verfremdung, Entfremdung, Enttäuschung überall. Und dann ein Pinselschwung dagegen wie ein Wutausbruch, eine Eruption, ein Stemmen gegen die bleierne Zeit. Es dominieren arme Farben, Ocker, Brauntöne, Schwarz, Weiß, Grau, Und immer geht es um das Menschsein, wie Menschen leben, wie sie zum Leben stehen, damit zurechtkommen, auch wenn das fast nie ganz direkt zu sehen ist. Manchmal aber doch: Jimi Hendrix spielte mit derselben existenziellen Intensität Gitarre, mit der Günter Böttger malt.
Aber vielleicht geht es auch gar nicht darum, diese Bilder zu interpretieren, was auch manchmal bedeutet: etwas in sie hinein interpretieren, was in ihnen gar nicht ist. Denn damit tut man den Bildern Gewalt an, wie das Susan Sonntag in ihrem Essay „Gegen Interpretation“ beschrieben hat, und macht sie zu einem simplen „Gebrauchsgegenstand“, den man benutzt wie ein Messer, einen Kamm, ein Auto. Vielleicht geht es vielmehr darum, diese Bilder in ihrer Form, ihrer Erscheinung auf sich wirken zu lassen – ihre gestische Kraft, die auf etwas Intensives und Existenzielles hindeutet, auf die unbedingte Notwendigkeit, gerade dieses Bild und es gerade jetzt zu malen.

Und manchmal geht Günter Böttger etwas so nah, geht ihm so zu Herzen und an die Nieren, dass er darauf ganz direkt reagieren muss, ohne sich mit Metaphern zu schützen, mit offenem Visier, was angreifbar macht und das auch soll – und das wird dann vielleicht gar nicht unbedingt Kunst – wobei das auch davon abhängt, wie man Kunst definiert. Das mag ihm mit den einige Zeit lang zunehmenden und auch gar nicht mehr abflauenden Meldungen über Kindesmissbrauch so gegangen sein. Lüdge lässt grüßen, aber auch Me too, Kirchgemeinden, Chöre, Sportvereine. Und er hat eben dieses Bild gemalt, jetzt übermalt, das nur aus einem Satz besteht – der keinen, der ihn sieht, liest, kalt lässt. Die einen werden denken: Hm, ziemlich nah an diesem unsäglichen Autoaufkleber „Todesstrafe für Kinderschänder“ – die für nichts eine Lösung ist. Wobei das nicht da steht, und dieser Unterschied sei ihm wichtig, sagte mir Günter Böttger. Wobei schlagen wiederum auch keine Lösung ist, sondern Körperverletzung. Andere werden denken: Hm, zu direkt, Kunst ist das nicht. Mag sein – aber Günter Böttger besteht darauf, dass ihn das Thema bewegt hat – „und wenn wir uns nicht damit auseinandersetzen, dann überlassen wir es den Nazis – und das ist viel schlimmer“ – womit er Recht hat. Mancher wird denken: Das Mitgefühl und die Hilfe für die Kinder ist mir wichtiger. Mancher wird denken: Es ist immer Macht, die hinter dem Missbrauch steckt – eine Macht, die nicht hinterfragt wird, eine Macht, die sich missbrauchen lässt, weil sie eben da ist. Und Kindesmissbrauch ist viel mehr: Kinderarbeit, Zwangsehen, Kinderarmut. Warum solche Bilder nur zum Kindesmissbrauch, warum nicht auch zu allen anderen Missbräuchen – gegen den Raubbau an der Erde, gegen rücksichtslose Profitgier, gegen Krieg, Gewalt, Intoleranz? Aber allein, wenn wir all das denken, hat Günter Böttger schon etwas erreicht.
Und darum geht es ja eigentlich. Worum es ihm nicht geht, sagte er mir, als vor der Ausstellung kurz telefonierten: „Schöne Bilder mal ich nicht.“
Aber nun wollen Sie vielleicht doch wissen, wovon es handelt … vielleicht davon:

Wovon es handelt

Es handelt vom Finden
Nicht vom Suchen
Es handelt von Brot
Und nicht von Kuchen
Es handelt vom Aufstehn
Nicht vom Fallen
Es handelt von einem
Und von allen
Es handelt vom Leben
Und nicht vom Sterben
Es handelt vom Schenken
Nicht vom Erben
Es handelt vom Dienen
Und nicht vom Herrschen
Es handelt vom Stolpern
Und nicht von Märschen
Es handelt von Räumen
Es handelt von Träumen
Von Farbe und Licht
Von Mauern und Zäunen
Handelt es nicht
Es handelt vom Lächeln
Und nicht von der Wut
Und erst ganz am Ende
Wird wirklich alles gut
Es handelt von Weinen
Und nicht vom Grinsen
Handelt vom Vergeben
Und nicht von den Zinsen
Es handelt vom Verzeihn
Und nicht von der Schuld
Es handelt von Zeit
Und von der Ungeduld
Es handelt vom Leben
Und nicht von der Kunst
Es handelt nicht von den andern
Es handelt von uns.



Chemnitz, 8. September 2019
Matthias Zwarg