Home.
Biografie.
Kommentare.
Galerie.
Projekte.
Ausstellungen.
Links.
Kontakt.
Datenschutzerklärung.
Kommentar von Prof. Dr. Bettina Uhlig

„Es malt mit mir"

 

Große weiße Farbräume, erdige Farbtöne, hart in der Fläche stehende Zeichen - so der erste Eindruck der malerischen Arbeiten von Günther Böttger. Als Seismografen der Befindlichkeit kommen sie dem Betrachter entgegen: mit Wucht und Kraft oder mit Leichtigkeit schwebender Melancholie. Sie ziehen den Blick an, saugen ihn in sich auf - und hinter der verkrusteten Oberfläche eröffnet sich malerische Sensibilität.

 

Es sind Farbflächen, Farbfelder, Farbräume, die sich ineinander fügen und vor allem im seriellen Nebeneinander ein spannungsreiches Ganzes formen. Die Farben und Formen sind ehrlich und unverhohlen; sie ringen um die Kraft ihres Ausdrucks. Nichts ist versteckt oder verborgen, nichts an den vermeintlich richtigen Platz gerückt. Spontaneität des Augenblicks steckt in diesen Bildern, die dem Einfachen und Essenziellen verpflichtet sind.

 

Bedeutsame Bezüge lassen sich von Günter Böttgers Werken zur Kunstgeschichte herstellen. Die Verbindungslinien können bis zu den archaischen Höhlenbildern gezogen werden: Klarheit der Zeichen - als eindeutige, dauerhafte Spuren des Daseins - und die Notwendigkeit des Ausdrucks als ein individuelles Sich-Ausdrücken und Sich-Mitteilen. Geometrische Formen, römische Zahlen (I, II, III), vor allem jedoch die Zeichen + (Plus) und - (Minus) spielen dabei eine entscheidende Rolle. Auch die spätmoderne Kunst des 20. Jahrhunderts findet ihre Anklänge in den Arbeiten von Günther Böttger, etwa die informelle Malerei eines Emil Schumacher oder eines Antoni Tàpies. Aber auch die sogenannten „armen" Materialien der Arte Povera (Mario Merz) nutzt Günther Böttger, um „Grundvorgänge mit tiefem Hintergrund" abzubilden.

 

Er malt mit Sand, Lehm, Erde, Asche, Kohle usw. Besondere Bedeutung hat der Entstehungsprozess. Diesen vergleicht Günther Böttger mit dem Bestellen eines Feldes, als weißes Feld aus Papier oder Leinwand. Was gemeint ist, ist der intensive, unermüdliche körperliche Malprozess; gleichsam ein Umpflügen, Durchpflügen, Beackern des Malgrundes, der in einer mehrphasigen Prozedur aufgerissen, geebnet, verwaschen, bekratzt usw. wird. So erhalten die Bilder jene körperliche Präsenz, die den Betrachter berührt. „Es malt mit mir", so charakterisiert Günther Böttger den Entstehungsprozess seiner Bilder, so als ob er eintaucht in einen Prozess, der nicht plan- und steuerbar ist, und doch - oder gerade deshalb - das Neue, Unbekannte, Variantenreiche hervorzubringen vermag. Unbeteiligt ist er daran natürlich nicht.

 

Die Bildsprache des 1949 in Wiederau (Sachsen) geborenen Künstlers entwickelte sich sukzessive, ursprünglich vor allem an dreidimensionalen Arbeiten aus Holz und Metall, und ist beeinflusst durch Begegnungen mit Künstlern wie Tony Cragg, Hans Brockhage oder Heinz Tetzner. Die heute zumeist großformatigen flächigen Farbarbeiten auf Papier und Leinwand sind für Günther Böttger „Wegzeichen", die nicht nur ihm, sondern auch den Betrachtern einen Weg zur Kunst, vor allem aber in das Leben weisen und immer wieder auf grundlegende Fragen des Daseins verweisen: Im Zeichensystem Günther Böttgers die Dualität (symbolisiert durch + und -) und das/die Unbekannte (symbolisiert durch das X), die auf Neues, noch Unbekanntes hindeuten, das zwischen den beiden Polen zu existieren scheint. Die scheinbaren Leerräume auf seinen Flächen geben deshalb philosophischem Nachsinnen Raum: „Das sind keine Leeräume," so Günther Böttger, „ das sind freie Räume zum Denken" Und: Es denkt in uns...

 

Prof. Dr. Bettina Uhlig, Köln im Mai 2004